Auszug aus dem Buch: Großgarten-Haarschen-Bergensee, ein Kirchspiel in Masuren

Beitrag von Ingeborg Bergmann:

,, ... die goldnen Sterne prangen"

Ein arbeitsreicher Tag in der Heimat klingt behutsam aus

Wenn ich die Augen schließe, sehe ich unseren Hof vor mir. Ein Paradies am Dargainen-See, einem Teil des Mauersees. Es ist ein warmer Sommerabend. Die Sonne ist im Westen bei Steinort hinter dem See verschwunden. Der Himmel trägt noch das Abendrot der untergegangenen Sonne, das sich im Wasser wiederholt. Der See ist glatt und blank wie ein Spiegel, und kein Wölkchen zu sehen.

Die Zeit des Feierabends ist da, des Tages Arbeit vollbracht. Die Tiere sind in den Stallungen und abgefüttert. Der Körperstaub der Landarbeiter im warmen Seewasser abgespült.

Wir sitzen auf der Hausbank am See unter den Weidebäumen. In der Ferne schlägt eine Rohrdommel, und vom nahen Seeufer ist das Quaken einzelner Frösche zu hören, das bald in ein großes Froschkonzert übergehen wird. Die wenigen Menschen auf der Bank - Hofherrin, Knechte und Mägde - genießen die arbeitsfreien Stunden. Es werden alte, einfache Geschichten und Erlebnisse erzählt. Geschichten von guten und schlechten Ernten, Unwettern und Krankheiten. Weltprobleme werden nicht besprochen, nur die großen und kleiner Sorgen einer Hofgemeinschaft. Hier gilt noch: einer für alle und alle für einen.

Langsam wird es dunkler, der Mond geht auf. Die Luft ist so mild und warm, wie sie nur an einem masurischen Sommerabend an einem der vielen Seen sein kann. Eine Magd singt leise ein Abendlied: Der Mond ist aufgegangen, die goldnen Sterne prangen, am Himmel hell und klar...

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Abend am Dargainensee 2008Nach und nach stimmen alle Hausbewohner in das Abendlied mit ein.

 Die Hunde, die sich zu unseren Füßen balgten, legen den Kopf auf die Pfoten und lauschen. Vom Seeufer wird das Froschkonzert lauter, dazwischen hört man das Plätschern hochspringender Fische.

Es ist Zeit zu Bett zu gehen. Morgen beginnt ein neuer arbeitsreicher Tag auf dem Felde.

Es ist Erntezeit. Nach und nach verabschieden sich alle mit einem „gute Nacht Herrin". Zum Schluß sitze ich nur noch allein mit geschlossenen Augen da.

Wie schön es doch in der Heimat ist! Auf der ganzen Welt kann es nicht schöner und friedlicher sein als an einem lauen Sommerabend in unserer masurischen Heimat an einem der vielen Seen.

Ich öffne die Augen. Da bin ich doch in meinem kleinen Berliner Hausgarten eingeschlafen und habe von zu Hause geträumt! - Es war schön, sehr schön. - Zeit schlafen zu gehen.

Soweit dieser Auszug aus dem Buch:

Großgarten-Haarschen-Bergensee, ein Kirchspiel in Masuren

Anmerkung : Jetzt, da ich dort war, kann ich es nachvollziehen.


Auszug aus dem Angerburger Heimatbrief

...In Ihrem letzten Heimatbrief brachten Sie ein Bild der Familie Fritz Dzubiel. Dazu möchte ich Ihnen mitteilen: Das Haus, vor dem die Kinder stehen, ist das frühere Gutshaus meines Großvaters Ludwig Volkmann. Mein Großvater hatte Anfang der 20er Jahre seinen Besitz unter den beiden Töchtern Ella, verehelichte Tarrach, (Standesbeamter von Großgarten) und Meta, verehelichte Bergmann, geteilt. Ella bekam das Hauptgrundstück und parzellierte das Land. Das Hofgrundstück verpachtete (?) sie an Fritz Dzubiel. Mein Großvater lebte im hinteren Teil des Hauses mit seiner 2. Frau, unserer lieben Tante Anna, die Jünger als seine Tochter war.

Meine Eltern bekamen den Gunsnick am Dargainensee. Dort standen ein Vier-Familien-Insthaus, ein strohgedeckter Stall und eine Scheune. Meine Eltern mussten bis Mitte der 30er Jahre schwer arbeiten. Sie gönnten sich nichts. Alles Geld wurde in den Hof gesteckt: ein ca. 38 m langer Schweinestall, ein 42 m langer Viehstall, das Haus vollkommen umgebaut mit Bad und Zentralheizung; 40 Morgen Moorwiesen mit der Windturbine entwässert. Da mein Vater krank aus dem 1. Weltkrieg kam, (er war Westfale und Maschinenbautechniker), lastete die Arbeit  auf den Schultern meiner Mutter.

Das Land war z. T. schlecht, jedoch mein Vater besorgte sich landwirtschaftliche Literatur und durch richtige Düngung erzielten wir Erträge, die einen doppelt, ja fast dreifach so großem Grundstück entsprachen.

Mein Vater starb im Juni 1939 und hat glücklicherweise die Flucht nicht erlebt. Er hätte sie auch nicht überstanden.

Als mein Vater starb, hatten wir 100 Schweine im Stall. Das war die Haupteinnahme – Schweinezucht -.

Von dem Althof in Neu-Haarschen steht jetzt nichts mehr davon.

Mein Großvater hatte zwischen 300 und 400 Morgen. Am Zanerok behielt er noch etwas für sich, wir haben als Altenteil auch etwas Land von ihm mit bearbeitet.

Der neue Hof meiner Eltern ist unter den Polen eine Segelschule geworden.  An unserem früheren Seerand waren vielleicht zwei Morgen Land, die man nicht nutzen konnte; Mutter hatte es den Fußballspielern für Bergensee, Haarschen und Großgarten zur Verfügung gestellt. Die stellten Fußballtore auf, und es wurden „Nationalspiele" gespielt...

Unseren früheren Schweinestall hat man mit 1994/95 mit Bundesmitteln abgerissen und groß ausgebaut, damit auch deutsche Kinder dort Urlaub machen und segeln können. Wir Kinder gingen auch nach Bergensee zur Volksschule und dann nach Lötzen zur Oberschule für Mädchen. Glücklicherweise habe ich das Wohnhaus 1988 noch vor dem Abriß gesehen. Das neue Haus steht an der gleichen Stelle.

Meine Großmutter war eine geb. Podewski. Podewskis lebten mehrere Generationen in Haarschen. Mein Großvater stammt von einem 600-Morgen-Gut aus Jakunowken. Zufällig wurde in unserer Familie – Podewski - eifrig Ahnenforschung betrieben. Durch einen Glücksfall, ich schrieb einen Podewski an, der unter den Geburtstagskindern im Ostpreußenblatt veröffentlicht war, kam ich zu der Aufstellung der Familie seit ca. 1712 und sogar Salzburgern ab ca. 1670. Mein Neffe freut sich darüber; ich habe keine Kinder.

Großmutters Schwester, Lina Podewski, und meine Großmutter sind im 1.Weltkrieg gestorben. Der einzige Sohn meiner Großmutter, Max, ist im 1.Weltkrieg gefallen. Er war Lehrer in Pillau. Mein Großvater war vor dem 1.Weltkrieg Bürgermeister in Haarschen. Mein Vater war Soldat in Ostpreußen und hatte dort meine Mutter kennengelernt...

Übrigens, Fritz Schilawa heiratete Hilde Alex in Berlin, die älteste Tochter des Postbeamten von Haarschen. Fritz kam an Winterabenden oft zu uns Federn reißen und Gänseklöße drehen. Er war bei der Marine.

Von Alex lebt nur noch die jüngste Tochter Lilli, die mich jetzt mit Birgit - das ist die Tochter von Hilde Alex und Fritz Schilawa und hat in Berlin mit ihrem Mann einen Bauernhof - besuchte.

(Anm.: Inzwischen ist die Ehe von Birgit geschieden, sie macht also keine Agrarwirtschft mehr. Die Tochter von Alex, Lilli, ist inzwischen verstorben.)

Von unserer Haarscher Familie lebe nur noch ich. Dzubiels gab es drei in Neu Haarschen, die aber nicht miteinander verwandt waren. Eine Großtante von mir - Schwester meines Großvaters - heiratete auch einen Dzubiel mit über 300 Morgen in Neu-Haarschen...

Mit freundlichen Grüßen Ingeborg Bergmann, 12205 Berlin, den 16.6.1997.

(Anm.: Ingeborg Bergmann verstorben am 12.02.2003 in Berlin.)

Soweit dieser Auszug aus dem Angerburger Heimatbrief


 
1940 - Der Hof „Gunstnick“

Haarschen, Kreis Angerburg, Regierungsbezirk Gumbinnen, Ostpreußen
Eingetragen im Grundbuch von Angerburg, Band X, Blatt 212

 
1930, ganz links meine Mutter

  


Das Ziel der Flucht, das Haus von Opa Meier, wurde im Krieg mehrmals von Bomben getroffen und machte eigentlich auch keinen besonders guten Eindruck, dennoch war es für einige Jahre die neue Heimat geworden.

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1945 - Berlin, Lotzestraße 2

Hier wohnten von 1945 bis etwa 1949 drei Generationen unter einem Dach. Anfangs noch ein behelfsmäßiges Pappdach, später wieder ein Ziegeldach.

 

 

Dieses Dach hat, auch heute noch, als Besonderheit einen Dachstuhl aus Stahlträgern.

 

 

Diese etwas unübliche Bauart ist aus der damaligen Not geboren. Opa Meier war schließlich in der Stahlbauindustrie tätig.

 


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Notiz auf einem alten Kalenderblatt

von Opa Meier

 

 

Hier war der Krieg schon am 04.07.1945 zu Ende

und die Flüchtlinge

immer noch unterwegs.

 

 

 

 


Was sind eigentlich heute unsere  Probleme

im Vergleich zu denen, der Generationen damals?


Nun wusste ich so einiges mehr, zu dem was ich sowieso schon wusste. Ich bin bei meinen Recherchen teilweise rein zufällig drüber gestolpert.

Das Interesse, die Neugier, bekam also neue Nahrung. Aber wo liegt das nun genau? Wie finde ich den Hof?