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Henri Band

Mittelschichten und Massenkultur. Siegfried Kracauers publizistische Auseinandersetzung mit der populären Kultur und der Kultur der Mittelschichten in der Weimarer Republik.

Berlin: Lukas Verlag 1999. ISBN 3-931836-25-8

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Das Buch rekonstruiert Siegfried Kracauers publizistischen Beitrag zur Erfassung der modernen massenkulturellen Phänomene der zwanziger und dreißiger Jahre. Besondere Rücksicht gilt der in seinen Essays wiederholt porträtierten Kultur der Mittelschichten. In der Monographie "Die Angestellten" untersuchte Kracauer – auf der Basis umfangreicher Recherchen in Berlin – die für das Leben der großstädtischen Angestellten charakteristische Symbiose von rationalisierten Großbetrieben, urbanen Milieus, medial bestimmter Öffentlichkeit und kulturindustriell zubereiteter Zerstreuungskultur. Seine Kritik am Kultur- und Sportbetrieb galt den Versuchen, die Freizeitpraktiken der Massen weltanschaulich oder machtstrategisch zu instrumentalisieren und der gerade in Deutschland verbreiteten Neigung, ihre Vergnügungen künstlerisch zu adeln oder rational zu organisieren. Die Zerstreuung kann ihr emanzipatorisches Potential jedoch nur dort entfalten, wo sie ihren improvisatorischen Charakter behauptet.

Pressestimmen

Auszug, S. 151f.:

Kracauer hat seiner Studie "Die Angestellten" zwei Szenen vorangestellt, die die lebensweltlichen Pole des Angestelltendaseins und das thematische Spannungsfeld der Arbeit umreißen:

"I.
Eine entlassene Angestellte klagt vor dem Arbeitsgericht auf Weiterbeschäftigung oder Abfindung. Als Vertreter der beklagten Firma ist ein Abteilungsleiter erschienen, der frühere Vorgesetzte der Angestellten. Um die Entlassung zu rechtfertigen, erklärt er unter anderem: 'Die Angestellte wollte nicht als Angestellte behandelt werden, sondern als Dame.' – Der Abteilungsleiter ist im Privatleben sechs Jahre jünger als die Angestellte.

II.
Ein eleganter Herr, zweifellos ein höherer Konfektionär, betritt abends in Begleitung seiner Freundin den Vorraum eines weltstädtischen Vergnügungsetablissements. Der Freundin ist auf den ersten Blick anzusehen, daß sie im Nebenberuf acht Stunden hinter dem Ladentisch steht. Die Garderobenfrau wendet sich an die Freundin: 'Wollen gnädige Frau nicht den Mantel ablegen?'" (Schriften 1: 209)

Mit den exemplarischen Situationen lenkt Kracauer gleich zu Beginn die Aufmerksamkeit auf die Grundstruktur des Angestelltendaseins in seiner Trennung von Arbeits- und Freizeitsphäre: auf der einen Seite die Funktionalisierung und Unterordnung der Angestellten in der rationalisierten und hierarchisch organisierten Produktion und auf der anderen Seite ihre scheinhafte Erhöhung in der Freizeit durch den bürgerlichen Abglanz der Vergnügungsstätten bzw., in diesem Falle, auch durch den Abglanz des eleganten Herrn. Die gegensätzlichen Welten sind zugleich komplementäre Welten. Die beiden weiblichen Angestellten, die im Mittelpunkt der Szenen stehen, sind so weit auf typische Merkmale reduziert, daß sie austauschbar erscheinen. Die unterschiedliche Behandlung, die sie erfahren, läßt sich nicht auf individuelle oder allein auf sozialökonomische Charakteristika zurückführen, sondern entspringt dem jeweiligen sozialen Kontext, in dem sie mit diesen Eigenschaften stehen. In der symbolischen Obhut des höheren Konfektionärs und als Kundin eines weltstädtischen Vergnügungsetablissements geadelt, hat die Garderobenfrau die Freundin des Herrn im Lichte jenes sozial aufwertenden Attributes wahrzunehmen und zu behandeln, das der entlassenen Angestellten in der Sphäre der Arbeit von ihrem Vorgesetzten verweigert wird – als gnädige Frau bzw. als Dame. In der Arbeitswelt wiederum wird die Behauptung dieses Statusmerkmals – selbst gegenüber jüngeren Vorgesetzten – zur ungerechtfertigten symbolischen Übertretung der durch die Arbeitsfunktion definierten untergeordneten Dienststellung und als Gefährdung der Betriebsdisziplin hingestellt, die in den Augen des Vorgesetzten eine Kündigung rechtfertigt. Dem Statusverhältnis korrespondiert ein hierarchisches Geschlechterverhältnis: In beiden Szenen sind es höherrangige männliche Angestellte, denen die eine Angestellte ihre Entlassung und die andere Angestellte die Anrede als "gnädige Frau" verdankt. Der Wechsel zwischen der Welt der Arbeit und der des gehobenen Freizeitvergnügens geht mit einem ans Paradoxe grenzenden Rollen- bzw. Identitätswechsel der Protagonistinnen einher. Damit setzt Kracauer das tragende Motiv seiner Studie ein: die Doppelexistenz der Angestelltenschaft in der sozialökonomischen Sphäre arbeitsfunktionaler Ein- und Unterordnung und der kulturellen Sphäre der scheinhaften Restitution einer verschollenen Bürgerlichkeit.

 


 

Inhalt

 

 

 

Vorbemerkung

7

Einleitung

8

Die biographische und geistige Ausgangslage von Siegfried Kracauers Denken

15

 

Zwischen Brotberuf und kulturphilosophischer Berufung

15

 

Frühe Kultur- und Erkenntniskritik als metaphysisches Leiden an der Welt

20

Populäre Kulturphänomene als Probe aufs zivilisationskritische Exempel 

31

 

Der Detektivroman. Vom Siegeszug der Ratio in den niederen Sphären des Ästhetischen

31

 

Die Reise und der Tanz. Wandlung der raumzeitlichen Bewegungsformen im durchrationalisierten Zeitalter

44

 

Das Ornament der Masse. Oberflächenerscheinungen als Chiffren des Epochenwandels

51

Die ideologie- und sozialkritische Inhaltsanalyse von Erfolgsfilmen und Erfolgsbüchern

61

 

Das Kino zwischen Zerstreuungskultur und Kult der Zerstreuung

62

 

Erfolgsbücher und ihr bürgerliches Publikum

78

Kritik der Mythen und Mythen der Kritik

94

 

Publizistisches Feld und Kritik als Beruf

94

 

Siegfried Kracauer und die "Frankfurter Zeitung"

106

 

Mission der Intellektuellen und intellektuelle Dispositionen

112

Siegfried Kracauers Expedition in die Alltagswelt der Berliner Angestellten 

125

 

Zur Geschichte der Angestellten und der Angestelltensoziologie

126

 

Kracauer unterwegs in Berlin: Erhebungsmethoden und Erfahrungsraum

143

 

Die Angestellten: Zwischen sozialökonomischer Proletarisierung und kultureller Verbürgerlichung 

151

 

Zur zeitgenössischen Resonanz der Angestelltenstudie

202

Schluß: Klassifikationsarbeit und Krise der Klassifikationen 

219

Anhang

 

 

Abkürzungsverzeichnis

224

 

Literaturverzeichnis

224

 

Personenregister

246

 




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